„In Ergänzung der Ihnen bereits mit Erlass vom 24.1.39 übertragenen
Aufgabe, die Judenfrage in Form der Auswanderung oder Evakuierung einer
den Zeitverhältnissen entsprechend möglichst günstigsten Lösung
auszuführen, beauftrage ich Sie hiermit, alle erforderlichen
Vorbereitungen in organisatorischer, sachlicher und materieller Hinsicht
zu treffen für eine Gesamtlösung der Judenfrage im deutschen
Einflussgebiet in Europa....“ so schrieb am 31. Juli 1941 Hermann Göring
dem SS Gruppenführer Reinhard Heydrich. Dies war der Anfang der
schrecklichsten Gräuel, die sich in der Geschichte der Menschheit
ereignet haben: Der Tot von 6 Millionen Menschen in
Konzentrationslagern.
Dank einiger Überlebender erfahren wir, dass berühmte oder weniger
berühmte Musiker und Komponisten unter den Deportierten waren. Wir
erfahren auch über die Musik, die während dieser grausamen Jahre
freiwillig oder auf Befehl der Lagersoberbefehlshaber komponiert wurde.
Mit dem Projekt „Musica Concentrationaria“(1) will man diese
umfangreiche Sammlung untersuchen, erforschen, vertiefen, katalogisieren
und aufwerten, um zu erfahren, was in Konzentrationslagern passiert ist
und welche Rolle die Musik im Leben der Deportierten gespielt hat. Die
Musik war eine vorübergehende Flucht vor dem Grauen und vor den
Alpträumen der Wirklichkeit, in der sie lebten.
Viele Jahre der Nachforschung haben 2500 Werke zu Tage gebracht und 1500
Werke müssen noch untersucht werden. Nachforschungen sind in Museen,
Archiven, Bibliotheken und spezialisierten Buchhandlungen in Italien,
Israel, Deutschland, Österreich, Polen und in der Tschechischen Republik
getrieben worden. In Zusammenarbeit mit den bedeutendsten Musikern
dieser Gruppe (Joza Karas und Bret Werb in den USA, David Bloch in
Israel, Robert Kolben und Gabriele Knapp in Deutschland, die seit kurzem
verstorbene Blanka Cervinkova in der Tschechischen Republik) wurde
dieses Projekt entwickelt.
Jede Woche bekommen wir aus der ganzen Welt viele Hinweise auf weitere
Werke (bzw. Klavier-, Kammer-, Quintett- und Liedmusik). Dank dieser
umfangreichen Sammlung gelingt es uns zu verstehen, dass der Holocaust
wie ein verrückter Meteor schwer auf die menschliche Geschichte gefallen
ist und dass er das Leben, den Geist sowie die glänzende Karriere vieler
Künstler vernichtet hat. Was hätten sie noch machen können, wie viele
musikalische Meisterwerke hätten sie noch komponieren können, wenn der
Holocaust nicht über sie gekommen wäre? Ziel des Projekts ist die
Verwirklichung des Dokumentarfilms „Musica Concentrationaria”, der die
Erinnerungen und Zeugnisse der deportierten Musiker oder deren
Verwandten sammelt und dazu beiträgt, nicht nur eine Lücke in der
Musikgeschichte zu füllen, sondern auch der Menschheit ein anderes
Bewusstsein über die Wichtigkeit der Erinnerung an solch unsägliche
Ereignisse wie die Shoah zu verschaffen. Der von Francesco Lotoro
entwickelte Dokumentarfilm wurde vom Verband Musikstrasse produziert und
von Ermanno Felli gedreht. Die Vorstellung in Weltvorafführung fand am
29. Oktober 2007 während der Internationalen Konferenz „Musica
Concentrationaria” in der Bibliothek und Museum „Burcardo“ statt.
Der Dokumentarfilm, die Internationale Konferenz und die Webseite
stellen „Musica Concentrationaria“ dar, ein vom Verband Musikstrasse
realisiertes und gefördertes Projekt mit der Unterstützung der
Europäischen Union (Programm „Kultur 2000“).